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Text zum Bildband

 

„Sehet, der Mensch“

 


Die Fotos in diesem Buch wurden

nicht gesucht oder gefunden. Sie

sind organisch entstande aus dem, was wächst, fühlt, liebt, hasst, stirbt.

Entstanden in Momenten, um die

sich alles dreht.

 

In Situationen die mir entgegen kamen: manchmal während eines Fotoauftrags, manchmal am Rande von Projekten, manchmal in alltäglichen Situationen. In diesen Momenten ging es mir nicht darum, mit der Erfahrung und den Mitteln von Konzeptionen, Bildsprachen und Inszenierungen Geschichten zu erzählen. Dann hätte ich mich auf das sichere Mittel der Zitate verlassen müssen, die Fotografien in einem bestimmten Kontext für den Betrachter lesbar machen. Die Welt ist voller Bildzitate, die sich wiederum zitieren und dabei gegenseitiges „Bescheid wissen“ simulieren.
Die Fotos, die mir wichtig sind, „passieren gerade“ in den Momenten, in denen Ahnungen für Gefühle entstehen, die meist hinter Flächen und Schablonen verborgen sind.


Meine Fotografien haben kein Ziel, sie sind nicht fertig, zeigen keine Probleme auf und wandeln sich im Blick der Zeiten, Moden und Betrachter. Auch wenn ich Bilder oder Texte benutze, um etwas zu sagen, weiss ich doch: Es geht nicht um Bilder oder Texte, sondern um Ahnungen. Wir spüren oft, was wir fühlen, und versuchen manchmal, auf einer anderen Ebene, das Gefühlte mit Worten, Klängen oder Bildern zu beschreiben.


Wer das für sich erkennt, kann sich immer wieder neu in Position bringen, ohne den Rückhalt des Vertrauten, Seriellen und Erwarteten. Mit der Zeit kann sich Freude einstellen darüber, dass die Unvorhersehbarkeit eine Qualität bedeutet, die sich selbst entwickelt. Sie ist unabhängig von selbstreferentiellen Prinzipien, deren Qualität in der Quantität liegt. Alles ist da in dieser Welt, die Gefühle bleiben unverändert gleich, von der Jugend bis zum Tod, nur Zusammenhänge ändern sich. Bilder, Gedanken, Worte erscheinen als Resultat von dem, was bisher geschehen, gesehen und gedacht wurde. Nichts kann ungeschehen gemacht werden, man kann es höchstens verleugnen.


Die Fotografien in „Ecce Homo“ zeigen Ahnungen davon, dass viel mehr in mir vorhanden ist, als ich glauben, beschreiben und abbilden kann. Das wird mir besonders deutlich, wenn ich das Schreckliche im Schönen und das Schöne im Schrecklichen entdecke. Manchmal ist das wunderbar, manchmal macht es Angst und häufig verdichtet sich ein Gefühl dafür, etwas in sich gefunden oder von sich verloren zu haben. Bilder zeigen nur eine Oberfläche und offenbaren nur das, was sie sind: Bilder.


Es ist der Blick, der entscheidet, ob etwas gesehen wird, so wie zwei Menschen sich in den Blicken erkennen, die sie zu Liebenden machen. Bei einem Fotoprojekt arbeitete ich mit einem Musiker, der mir am Ende des Tages ein emphatisches Feedback gab. Er sagte zu mir: „Sie wirken auf mich, als genügten Ihnen Ihre Blicke auf die Welt. Mir geht es ähnlich in meinen Klängen, in denen ich verschwinden kann mit einem Gefühl zärtlicher Gleichgültigkeit.“ Der Musiker hatte mich durchschaut.

 

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Dieter Zinn, Dipl. Foto-Des. - Fotografie - Beratung - Konzeption - HH - 0171 7706 119